Foto: HITS, CC BY-NC-ND 3.0

Ein Programm für Journalisten zur Stärkung der Wissenschaftskommunikation

Wie können verschiedene Projekte die Wissenschaftskommunikation fördern? Das Journalist in Residence-Programm am HITS ist eine Chance für die Wissenschaftskomunikation, so Peter Saueressig, Presse- und Öffentlichkeitsarbeit am Heidelberger Institut für Theoretische Studien (HITS). In diesem Gastbeitrag beschreibt er die ersten Schritte, die Höhen und Tiefen, die bei diesem Programm durchlaufen wurden.

Es begann beim Bier in Bremen. An einem Novemberabend auf der „Wissenswerte“-Konferenz vor sechs Jahren sagte ein Journalist zu mir: „Ich werde wohl meinen Hut in den Ring werfen.“ Dieser Abend hat nicht nur sein Leben verändert. Die Begegnung trug auch dazu bei, dass sich eine kleine Erfolgsgeschichte entwickelte: das Programm „Journalist in Residence“ des Heidelberger Instituts für Theoretische Studien (HITS).

 

Das Journalist in Residence-Programm am HITS

Was verbirgt sich dahinter? Ein Gastaufenthalt für erfahrene Wissenschaftsjournalisten. Sie verbringen drei bis sechs Monate am HITS in Heidelberg, einem gemeinnützigen, privaten Forschungsinstitut, das Themen von Molekularbiologie bis Astrophysik mit mathematischen Methoden und informatischen Werkzeugen bearbeitet. Der Aufenthalt ist mit 5000 Euro im Monat dotiert. Dabei hat der oder die „Journalist in Residence“ die Gelegenheit, sich mit Methoden der „data science“ vertraut zu machen. Außerdem soll der tägliche Kontakt den Austausch zwischen Journalisten und Forschenden fördern. Eine Gegenleistung in Form einer Veröffentlichung mit Bezug zum HITS wird nicht gefordert.

 

Wem bringt das was?

Wer diese Sätze liest, stutzt sofort: Bezahlter Aufenthalt? Keine Gegenleistung? „Wo ist der Haken daran?“, grübelt der Journalist. „Was bringt es dem Institut?“, fragt sich die Kommunikatorin.  „Was wollen denn Journalisten bei uns?“, wundern sich die Wissenschaftlerinnen. Eine klare Antwort darauf konnten wir damals in Bremen noch nicht geben – wir starteten ja gerade ein Experiment. Sechs Jahre später können wir sagen: Es hat sich gelohnt. Für das Institut. Für die ausgewählten Journalistinnen und Journalisten. Für unsere Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler. Und für unsere Wissenschaftskommunikation.

 

Zeit zum Nachdenken und zur Inspiration

In der ersten Runde machte der freie Wissenschaftsjournalist Volker Stollorz aus Köln das Rennen – er hatte damals beim Bier in Bremen den Entschluss gefasst, seinen Hut in den Ring zu werfen. Was tat er als „Journalist in Residence“ am HITS?

Volker Stollorz, Pia Grzesiak und Michele Catanzaro. Inzwischen waren noch drei weitere Journalisten am Institut. Foto: HITS

Nachdenken, Konzepte entwerfen, sich inspirieren lassen. Daraus entstand der „OperationsExplorer“, ein Datenjournalismus-Projekt mit einer HITS-Forschungsgruppe, das als Grundlage für die WDR-Recherche „Operieren und Kassieren“ diente. Auch das Konzept für das spätere „Science Media Center Germany“ wurde am HITS mit entwickelt.

Seit 2013 schreiben wir das Programm international aus. Bisher waren sechs Journalisten aus Spanien, Indien, USA und Deutschland am HITS.

Der „OperationsExplorer“ bildete die Grundlage für die ARD-Reportage „Operieren und kassieren – ein Klinik-Datenkrimi“. Gedreht wurde auch am HITS. Foto: HITS

Sie arbeiteten sich in neue Themenfelder ein und nutzten ihre Zeit, um sich mit Wissenschaftlern und Kollegen zu vernetzen. So hielt Michele Catanzaro aus Barcelona als „HITS Journalist in Residence“ auf der „Wissenswerte“ einen Vortrag und lernte dort die Mitstreiter für sein „cross-border“-Projekt „Hearing Voices“ kennen, das ihm den „European Science Writer Award 2016“ einbrachte.

 

Mehr Sichtbarkeit, mehr Engagement

Das HITS hat sich mehr Sichtbarkeit in der journalistischen Zielgruppe verschafft, von der Ausschreibung über die Auswahl der Journalisten bis hin zu den schon genannten Folgeprojekten. Unsere Vernetzung mit Wissenschaftsjournalisten hat spürbar zugenommen. Auch unsere Wissenschaftler profitieren vom direkten Kontakt zu den „Journalists in Residence“. Sie lernen besser zu verstehen, wie Medien funktionieren. Das erleichtert übrigens auch die Arbeit der Kommunikationsabteilung, wenn es darum geht, unsere Forschungsthemen an die Öffentlichkeit zu bringen. So nehmen HITS-Forscher mittlerweile regelmäßig als Referenten an der „Netzwerk Recherche“-Konferenz in Hamburg teil und geben dort „Datenimpulse aus der Wissenschaft“. Ebenso wertvoll war für uns auch das Feedback der „Journalists in Residence“ auf unsere eigene PR-Arbeit.

 

Aus Fehlern lernen

Aus  dem Experiment ist eine nachhaltige Geschichte geworden, die offenbar Nachahmer findet: Inzwischen wurden wir von einigen Instituten angesprochen, die ähnliche Programme planen. Als wir selbst vor sechs Jahren anfingen, machten wir allerdings auch Fehler. So wollten wir anfangs einen „writer in residence“ finden, der die wissenschaftlichen „Hits“ in die journalistischen „Charts“ bringt. Von dieser Konstruktion rückten wir glücklicherweise nach einem Telefonat mit dem Journalistenverband WPK schnell wieder ab. Nach Recherchen bei PR-Kollegen, die solche Programme schon durchgeführt hatten, entwarfen wir ein erstes Konzept. Es sorgte bei manchen Bewerbern an einigen Stellen für Irritationen. Aber das Feedback half uns, wichtige Stellschrauben zu verändern. Das heutige Verfahren ist – so hoffen wir – transparent und glaubwürdig genug, um seriöse Journalisten aus aller Welt anzuziehen.

 

Ein Sechs-Punkte-Programm

Was braucht man, um ein nachhaltiges „Journalist in Residence“-Programm auf die Beine zu stellen? Aus unserer Erfahrung sind sechs Punkte wichtig:

Erstens eine kritische Masse an Wissenschaftlern – mindestens 60. Denn Wissenschaftler sind oft auf Reisen und nicht immer erreichbar.

Zweitens eine Mindestdauer von drei Monaten, damit der Journalist auch „in residence“ ist.

Drittens eine gut besetzte und Glaubwürdigkeit ausstrahlende Jury, in der Wissenschaftler der eigenen Institution und Journalisten mitwirken.

Viertens ein attraktives Forschungsumfeld, mit dem die eigene Einrichtung gut vernetzt ist.

Fünftens klare Vorstellungen über die Zielgruppe: Welche Journalisten sind mir wichtig, wen will ich ansprechen (Fachbereich, Medium, national/international).

Und schließlich sechstens die Bereitschaft der Institution, ausreichende Finanzmittel bereitzustellen und damit den Wert zu dokumentieren, den man dem Programm in der Gesamtkommunikation beimisst.

 

Hinweis auf weitere Ausschreibung für die „Journalists in Residence“ 2018 und 2019: es startet am 15.08.2017 und das Programm wird auf der WCSJ in San Francisco vorgestellt. Bewerbungsschluss ist der 15.11.2017. Mehr Informationen gibt es hier.

 

Gastbeiträge spiegeln nicht zwangsläufig die Meinung unserer Redaktion wider.